“Provesionele Desiner” und der 3.33 € Freitod

Geschrieben am 21. Februar 2007 | 3,443 × gelesen

Stehts bereitDie deutsche Sprachlandschaft bietet dem durchschnittlichen Internetuser diverse Möglichkeiten über böse Anglizismen und Businessausdrücke zu stolpern. Nun denkt man, Tippfehler, grammatische Ausrutscher oder das Zusammenschreibseln von totalem Müll ist den “Kiddies” im Web vorbehalten, doch ich werde tagtäglich eines Besseren belehrt.
Da ich als Mitglied der MyHammer Gemeinde (wenn Gemeinde in diesem Fall überhaupt zutrifft) regelmäßig die Auktionen durchstöbere, werde ich unweigerlich mit den grauenvollsten Rechtschreibtodsünden konfrontiert.

“computer netzwerck wlan installieren”

So etwas schreiben erwachsene, gewerbstätige Menschen. Das ist keine Erbsenzählerei, ich brauche nur aus den Auktionstiteln der letzten zwei Tage zu schöpfen:

  • Computer Reperieren
  • farb flyer erstelen
  • Entwerfen und Druck eines Flayers mit Logo

… u.s.w. Faszinierend sind die immer neuen Schreibweisen für Flyer. Man begegnet da Menschen die 10000 “Fleyer” benötigen (Wahrscheinlich Altdeutsch) oder auch Wortgebilde wie “Flyar”, “Fleier”, “Flaya”. Die Kombinationsmöglichkeit scheint grenzenlos. Man sollte meinen, dem Auftraggeber ist die Auktion zumindest soviel wert, dass er sich das, was er da tippt auch mal selber durchliest. Nun, wie gesagt, wir wollen ja nicht pingelig sein und klicken auf eine Auktion, um uns vom Autor erhellen zu lassen.
Konstruieren wir einfach mal ganz frei ein Beispiel:

logo desin!!! (Startpreis 20 €)

brauche logo für meine neue Unternemen.
es soll profesionel ausehen und cool.
das urheberrecht muss an mich überschriben werden
und meine druckeri hat gesagt es mus im vektor-Format erstellt werden!!1
der bieter mit dem besten entwurf erhält den Zuschlag!!1

Die Aufschlüsselung dieser kryptischen Zeichen erfordert tatsächlichen einen Experten. Dabei gibt es so schöne Passagen in der MyHammer AGB über die Durchführung von Auktionen. Der Auftrag beinhaltet also den Entwurf und die Ausfertigung eines vektorisierten Logos das professionell und “cool” aussehen soll. Angaben über die Art des Logos, des Unternehmens oder der Verwendung werden nicht gegeben. Ausserdem möchte der Auftraggeber das ganze gerne für 20 € - natürlich pauschal, nicht als Stundenlohn.
Nehmen wir an, der Auftragnehmer bietet jetzt mal ins Blaue mit und wir gehen von einer sehr grob geschätzten Arbeitsdauer von 6 Stunden unter optimalen Bedingungen für das Logo aus. Inklusive Beratung, mehreren Entwürfen, Rücksprache, Dateioptimierung und einer Packung Kaffee. 20 € für 6 Stunden macht einen Stundenlohn von etwa 3,33 €.
Laut “Tarifvertrag für Designleistungen” der AGD beträgt der grobe Standardstundenlohn für eine solche Dienstleistung 30 €. Natürlich könnte der Auftraggeber auch einfach einen teueren Mitbieter per Sofortzuschlag wählen, aber wer will denn schon Geld für so einen Quatsch ausgeben. Künstler sind eh alle überbezahlt und wenn man sich einen Sticker im Supermarkt kauft, kostet das auch nur ein paar Euros.
Dann fordert der Auftraggeber noch dazu auf, die Urheberrechte zu überschreiben, was rechtlich gar nicht möglich ist. Siehe Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz), Abschnitt 5, Unterabschnitt 1:

§ 29 Rechtsgeschäfte über das Urheberrecht

(1) Das Urheberrecht ist nicht übertragbar, es sei denn, es wird in Erfüllung einer Verfügung von Todes wegen oder an Miterben im Wege der Erbauseinandersetzung übertragen.

(2) Zulässig sind die Einräumung von Nutzungsrechten (§ 31), schuldrechtliche Einwilligungen und Vereinbarungen zu Verwertungsrechten sowie die in § 39 geregelten Rechtsgeschäfte über Urheberpersönlichkeitsrechte.

Also selbst wenn ich wollte, könnte ich dem Auftraggeber höchstens vertraglich die uneingeschränkten Nutzungsrechte übertragen - ausser ich sterbe und bin in einer bizarren Weise mit ihm verwandt. Was mir für 3.33 € die Stunde ehrlich gesagt nicht ganz im richtigen Verhältnis steht.
Wobei… die 3.33 € sind ja so auch nicht ganz richtig, denn der Auftraggeber verlangt ja kostenlose Vorentwürfe, nach denen er sich entscheidet, ob er den Auftrag erteilt. So muss ich also schon von vornherein umsonst arbeiten. Fassen wir zusammen:
Ein professioneller Designer oder Grafiker soll also für einen lächerlich niedrigen Pauschalbetrag einen Auftrag annehmen - über den er nichts weiss. Er bewirbt sich für den Auftrag mit Entwürfen - für die er nicht bezahlt wird und muss sich über mehrere Umwege mit dem Auftraggeber verschwägern oder verheiraten, dann ein Testament über die Vererbung der Urheberrechte am Logo notariell beglaubigen lassen und anschließend ungünstig von einer Brücke stürzen.

Aber hey! Wie sagen es die Auftraggeber immer wieder:
“Das ist die freie Marktwirtschaft!”

Ja, die freie Markwirtschaft an sich ist schon was tolles. Leider vergisst man über all das Preisdumping aber die Qualität. So verblüffend es auch klingen mag: Die muss man mitbezahlen. Klar, das ist jetzt ein Schock, aber will man einen Designer den Hungertod sterben lassen, um sein Unternehmen dann so zu präsentieren?

12 Kommentare »

  1. In dem Müller-Consulting-Ding fehlen die Rechtschreibfehler.

    Kommentar von Peter — 21. Februar 2007 @ 20:24

  2. Hehe du hast so recht ;)
    Schick dem Kerl doch mal den Link…vielleicht spricht er auch besser deutsch als er schreibt ;))

    Kommentar von Reentje — 21. Februar 2007 @ 20:53

  3. Ohhhh, wie wahr!
    Ein Haufen Leute denken, der Aufwand einer Grafik ist direkt proportional zur Größe. Und da Logos ja meist recht klein sind (bei Vektorgrafiken sowieso belanglos), können sie ja unmöglich viel Entwicklungszeit in Anspruch nehmen.

    Kommentar von bernhard — 22. Februar 2007 @ 00:16

  4. Ich finde in dem Müller-Consulting-Ding gleich 3 Fehler.
    Weitere kosten sicher extra.

    Kommentar von janni — 22. Februar 2007 @ 10:48

  5. Haha, geil Chris! :-D

    Kommentar von Tueb — 22. Februar 2007 @ 13:48

  6. Ich glaube, der Auftraggeber würde nichtmals die hälfte des Textes verstehen…
    Geschweige denn was an seienr Auktion falsch ist !!!111einseinseins

    Kommentar von TiGERFiSH — 22. Februar 2007 @ 17:32

  7. Die Rechtschreibung des Herrn Hayungs ist aber auch nicht ganz astrein. Beim ersten Lesen fielen mir “Standart” und “garnicht” auf. Sollte er besser mal nachschlagen

    Anmerkung von Hayungs:
    Ich sage nicht, dass ich perfekt bin. Aber solche Fehler auf ein paar hundert Wörter sind doch eine etwas andere Liga. Ausserdem korrigiere ich meine Fehler zumindest :-)
    Du hast den Punkt am Ende deines Satzes vergessen.

    Kommentar von Lola — 22. Februar 2007 @ 21:59

  8. Mein Gott Lola, das ist Korinthenkackerei, mehr nicht.
    Es geht hier um den Artikel an sich, welcher sauber recherchiert ist, und sich sachlich wie sarkastisch der Dummheit solcher neuartigen Auktionsforen (oder wie man dazu auch immer sagt…) annimmt.
    Wegen 2 Rechtschreibfehler würd ich Hayungs hier nicht ans Bein pissen, dazu ist der Beitrag schlichtweg zu genial.

    Eine große Glanzleistung eines einzelnen Bloggers, definitiv. :)

    Kommentar von NeZ — 27. Februar 2007 @ 01:24

  9. @NeZ: Wer anderer Leute Rechtschreibung kritisiert, sollte seine eigene beherrschen.
    Was ich mich noch frage: sollte “im Vornherein” “von Vornherein” oder “im Vorhinein” heißen? :)

    Nichtsdestotrotz gefiel mir der Artikel:

    Kommentar von Mumpftl — 18. März 2007 @ 17:14

  10. Auch wenn der eine oder andere Kommentar hier etwas spitzfindig ausgefallen ist (kleine Fehler passieren beim Bloggen einfach mal…) der Beitrag ist wirklich “nett”! ;-)

    Kommentar von fob — 24. Mai 2007 @ 23:10

  11. Ich fand den Beitrag auch sehr lustig und mich stören die kleinen Fehlerchen nicht, allerdings ist mir das lachen schon etwas länger vergangen; Hier bei mir (Spanien) ist die Preistreiberei zwar noch nicht so angekommen (aber mit MediaMartkt haben wir jemanden der das hier schon hinzaubert) aber die Vorstellungen sind echt unglaublich hier: 1000 € Lohn (8 Std/Tag) als Programmierer, der ASP, SQL Server oder PHP MySQL aus dem FF beherrscht ist wirklich unglaublich und selbst als Selbständiger wollen die hier nie mehr zahlen als 25 € die Std. Naja, ich weiß ja nicht wie es in GodOldGermany ist, aber wenn das Preisdrücken hier los geht … Gute Nacht

    Kommentar von Thomas — 19. Juli 2007 @ 09:17

  12. Mir fehlt im Müller Consulting Logo noch ein Apostroph an beliebiger Stelle, dann wäre es ferpekt. ;)

    Kommentar von oasisUK — 24. Juli 2007 @ 13:33

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